takie tam:
Gewöhnlich "hat" man gesessen, gestanden und gelegen.
Die "haben"-Form ist Standard geworden, aber im Süden ist das "sein" gang und gäbe.
Da die "sein"-Verben typischerweise die Zustands- bzw. Lageveränderung zeigen, geht man davon aus, daß das "sein" dadurch veranlaßt ist, daß man beim Sitzen, Stehen, Liegen den Vorgang des Legens, Setzens, Stellens unbewußt berücksichtigt, daher dem eigentlichen "Sitzen, Stehen, Liegen" die Lageveränderung notwendig vorausging (d.h. dem "Sitzen" geht der Vorgang des "(Sich)-Setzens" voraus etc.)
In Österreich (wie auch in der Deutschschweiz ) muss für die Bildung des Perfekts von Verben die die Körperhaltung ausdrücken genauso wie für Verben der Bewegung generell als Hilfszeitwort "sein" verwendet werden. Zu den betroffenen Verben gehören zum Beispiel "sitzen" "stehen" "liegen". Das Perfekt mit "haben" ist ausschließlich für Tätigkeiten reserviert. "Ich habe gestanden" klingt für Österreicher seltsam da "stehen" auf diese Weise wie eine Aktivität behandelt wird. Im speziellen Fall "hab gestanden" kann daher das Missverständnis auftreten dass der Perfekt von gemeint ist. Andererseits ist "ich bin geschlafen" zwar in südlichen Dialekten zu hören aber in der Hochsprache nicht üblich.
Das Perfekt hat in der ostösterreichischen Umgangssprache das Präteritum völlig verdrängt. "Ich ging" oder "ich wird als fremdartig empfunden. Normal ist zu sagen: "ich bin gegangen" oder "ich habe gesehen". Desgleichen kann man in Teilen von Bundesdeutschland beobachten. Im Schweizerdeutschen wird seit jeher das Perfekt anstelle des Präteritums verwendet.
naukowo:
3.1 Regional bedingte bzw. variable Auxiliarselektion im Deutschen
Verben der Position selegieren in der deutschen Standardsprache haben: Sie drücken keinen
Zustands- oder Ortswechsel aus, sondern vielmehr die Befindlichkeit des Subjektreferenten an
einem Ort in einer der möglichen Positionen. Zu den Positionsverben zählen die folgenden:
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(11) Positionsverben
sitzen, liegen, stehen, hängen.
a. Das Bild hat genau dort an der Wand gehangen. Jetzt ist es weg.
b. Er hat sich an den Kopf der Tafel gesetzt und hat dort den ganzen Abend gesessen.
c. Während des langen Vortrags hat er die ganze Zeit gestanden.
In südlichen Varietäten des Deutschen wie etwa im Schweizerischen und Österreichischen
selegieren die Positionsverben sein:
(12) sein-Selektion bei Positionsverben im süddeutschen Sprachgebiet
a. Und wo bist du früher so 'rumgehangen?
b. Heute früh um fünf bin ich noch im Bett gelegen.
c. Er ist dagestanden wie angewurzelt.
Dieses Phänomen kann möglicherweise dadurch semantisch erklärt werden, dass im
Süddeutschen die Verben der Position und die Verben der Positionseinnahme die gleiche
phonologische Form aufweisen (vgl. Kaufmann 1995 b). Ich bin gesessen heißt also sowohl
'ich habe gesessen' als auch 'ich habe mich hingesetzt'. Die Auxiliarwahl im Süddeutschen ist
demnach als durch die inchoative Variante (hier: Ortswechsel) determiniert aufzufassen:
Das durch die inchoative Lesart ausgelöste sein-Perfekt wird für alle anderen Lesarten
generalisiert.
Zeitwörter, die Körperhaltungen ausdrücken, wie beispielsweise „stehen“, „sitzen“, „liegen“ verlangen in Österreich (und Süddeutschland) „sein“ und nicht „haben“! Ö: ich bin gestanden, bin gesessen, bin gelegen etc., D: ich habe gestanden, habe gesessen, habe gelegen etc. Gleiches gilt für alle Zusammensetzungen dieser Wörter wie „dabeistehen, gegenüberstehen, stillstehen“ etc. sowie für den übertragenen Gebrauch. Ö: „Er ist unter Stress gestanden.“ D: „Er hat unter Stress gestanden.“
Ebenso wie im gesamten Dialektgebiet südlich der Mainlinie ist das Imperfekt in der österreichischen Umgangssprache völlig ungebräuchlich. "Ich ging" oder "ich sah" wird als fremdartig empfunden, da es erst in der Moderne entstanden ist. Normal ist zu sagen: "ich bin gegangen" oder "ich habe gesehen". Einzig bei den Verben "sein", "wollen" sind mit "war, waren" bzw "wollte, wollten" usw. auch Formen des Präteritums üblich.
Das Präteritum ist in den oberdeutschen Dialekten in frühneuhochdeutscher Zeit ausgestorben. Die gängigste Erklärung dafür ist, dass im Oberdeutschen generell das auslautende "-e" u.a. bei den Vergangenheitsformen auf "-te" ausgefallen war: "sagt-e" > "sagt", "kauft-e" > "kauft". Dadurch konnten von vielen Verben die Vergangenheits- und Gegenwartsformen lautlich nicht mehr unterschieden werden, was dazu geführt haben soll, dass das Präteritum insgesamt außer Gebrauch gekommen ist.